Justizvollzugsanstalt Siegburg:  Im Knast ist man immer ehrlich zu mir

 

Im Knast ist man immer ehrlich zu mir

Inhaftierte im Gespräch mit Christian Linker
Christian Linker neben Herrn Pfarrer Werner Kaser während der Lesung in der JVA Siegburg. Der Schriftsteller Christian Linker liest aus seinem Buch "Dschihad Calling".
Quelle: Jörg Gieseking

Der Autor Christian Linker (L) stellte seinen neuen Roman "Dschihad Calling" im Rahmen des Literaturkaffees am 02. Juni 2016 vor.

Eingeladen dazu hatte der Katholische Gefängnisverein Siegburg e.V. interessierte Inhaftierte. Im Anschluss an die Lesung hatten die Besucher die Chance, Fragen zur Schriftstellerei und zum Beruf des Schriftstellers zu stellen.

Herr Linker, wie sind Sie eigentlich Schriftsteller geworden?

L:   Eigentlich habe ich sehr viel Glück gehabt. Es gibt ja viele Leute, die selber schreiben. Ich habe schon früh davon geträumt, einmal ein Buch zu veröffentlichen. Mit 19 Jahren hatte ich mein erstes Buch fertig gestellt und habe es Verlagen angeboten, doch niemand wollte es herausbringen.

Irgendwann wurde ich von der Lektorin eines Verlags um ein Gespräch gebeten; sie hatte irgendwie ein Manuskript meines Buches erhalten. Beim Gespräch machte sie mir gleich klar, dass auch sie kein Interesse an der Veröffentlichung meines Werkes habe, aber mein Schreibstil habe ihr gefallen. Ob ich nicht mal etwas für Kinder schreiben wollte. Eigentlich war das nicht so ganz meine Zielgruppe, aber ich wurde ja immerhin angefragt! Also sagte ich zu.

Um einen Verlag zu finden, braucht man nicht nur Talent. Der Zufall muss auch mitspielen und das war bei mir ja der Fall: Ich hatte Glück gehabt und nun eine "Fürsprecherin"! Ich schrieb ein Kinderbuch über Ritter und ein weiteres Buch über Feen. Beide Bücher sind in der Zwischenzeit leider vergriffen. Das nächste Projekt sollte ein Kinderbuch über Dinosaurier werden, doch dazu hatte ich nun absolut keine Lust.

Auf Dauer wollte ich gerne über "reale Probleme" und für junge Leser schreiben.

In der JVA Siegburg konnte ich durch die Vermittlung von Werner Kaser, der dort als Gefängnisseelsorger tätig war, ein Praktikum machen, um Stoff für einen Jugendroman zu recherchieren. Auch hier hatte ich wieder Glück: Die Gefängnisleitung genehmigte mein Vorhaben und ich fand interessante Gesprächspartner, die mich in die mir fremde Welt einführten. Aus den Gesprächen entstand der Roman "RaumZeit". In der Zwischenzeit habe ich diesen Stoff - gemeinsam mit einem Regisseur - als Theaterstück bearbeitet.

Der Verlag, der meine Kinderbücher herausgebracht hatte, war an diesem Buch leider nicht interessiert. Zum Glück konnte ich den Taschenbuchverlag dtv für meine Idee gewinnen. Sie sehen, wenn man einmal einen Fuß in der Türe hat, dann findet sich auch eine neue, positive Lösung. Ich gehöre nun zum Autorenstamm und arbeite zurzeit an meinem 10. Buch. Mein allererstes Buch, das damals abgelehnt wurde, habe ich übrigens noch einmal gründlich überarbeitet; dann wurde es auch veröffentlicht.

Sie sehen, es war an entscheidenden "Wegmarken" immer Glück mit im Spiel und so wurde ich langsam aber sicher vom Hobbyschriftsteller, der einen großen katholischen Jugendverband leitete, zum Schriftsteller im Nebenjob. Heute ist die Schriftstellerei mein richtiger Beruf. Nun habe ich Zeit, Recherche zu betreiben, zu schreiben und auf Lesereisen zu gehen.      


 

Warum stellen Sie gerade in unserer JVA ihr Buch vor?

L:   Nun, das hat eine lange Tradition. Wie ich ja erwähnt habe, handelte mein erstes Buch für junge Leute vom "Leben im Knast". Das hat mich damals ungemein interessiert. Die Recherchen zum Buch  habe ich hier gemacht und viele Gespräche mit Inhaftierten geführt. Als ich das Buch fertiggestellt hatte, wollte ich natürlich wissen, ob ich den Sprachstil und das Lebensgefühl der jugendlichen Inhaftierten getroffen hatte. Daher kam’s zu der ersten Lesung hier im Knast. Mein Buch ist übrigens bei den Zuhörern damals nicht durchgefallen. Seit dem weiß ich, dass man im Knast ehrlich zu mir ist und mir – ohne Scheu – zu verstehen gibt, dass etwas, was ich beschreibe, langweilig oder zu  konstruiert klingt. Ein Buch von mir ist hier – bei einer Lesung aus meinem Manuskript – einmal durchgefallen. Ich hatte zu viele Fakten zusammengestellt und eigentlich keinen Roman, sondern fast ein Sachbuch geschrieben. Die Kritik meiner Siegburger Zuhörer habe ich damals erst einmal nach Hinten gedrängt, bis mir meine Lektorin und mein Verlag mit ähnlichen Bedenken das Buch zurückgaben. Mein Buchprojekt war ein Flopp und ich habe es erst einmal auf Eis gelegt ….     

 

Wie legt man einen Roman an?

L:   Man braucht zunächst ein gutes Konzept, an dem man sich beim Schreiben orientieren kann. Ohne Konzept verfranzt man sich zu leicht; es ist wie ein roter Faden, der sich durch die Handlung der Geschichte zieht.

 

Sie müssen doch, wenn Sie realistische Romane schreiben wollen, Sachverhalte recherchieren? Wie geht das?

L:   Vieles kann man sich heute im Internet herunterladen. Doch oft ist es genauso wichtig, sich selbst bei Menschen, die in der zu beschreibenden Situation leben, ein Bild zu machen. Da sollte man mit offenen Karten spielen, damit der Gegenüber nicht das Gefühl hat, verarscht zu werden. So wusste die damalige Gefängnisleitung der JVA Siegburg, dass ich bei Herrn Kaser kein Seelsorgepraktikum machen, sondern Inspirationen für meinen Roman suchen würde. Auch die Inhaftierten kannten  meine Pläne. Bei den Gesprächen, die ich geführt habe, um das Buch "Dschihad Calling" zu schreiben, habe ich immer deutlich gemacht, dass ich dem Salafismus äußerst kritisch gegenüber stehe.

 

Können Sie uns schon etwas zu Ihrem neuen Buch sagen?

L:   Ja, natürlich sehr gerne. Ich arbeite intensiv daran. Mehr möchte ich heute nicht verraten, denn eigentlich drücken sich alle Schriftsteller vor der konkreten Beantwortung dieser Frage. Wir sind wahrscheinlich doch ein wenig abergläubig und wollen kein Unheil heraufbeschwören. Ich werde mein neues Buch aber gerne wieder hier vorstellen.



 

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